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Pfarrei Leuggern

Pfarrei und Kirchgemeinde Leuggern

 

Eine Pfarrei - viele Dörfer und Weiler - so könnte man die Pfarrei St. Peter und Paul, Leuggern umschreiben. Seit jeher setzt sie sich aus kleineren und grösseren Einheiten zusammen. Jedes Dorf und jeder Weiler hat seine Eigenheiten, das Zentrum ist die im Jahre 1853 erbaute neugotische Kirche zusammen mit dem 1998 erbauten Pfarreiheim "Lupe".
Obwohl hier noch viele althergebrachte Bräuche gepflegt werden, sind die verschiedenen Pfarreigremien auch auf der Suche nach neuen Anknüpfungs- und Verknüpfungspunkten zwischen religiösem, privatem und gesellschaftlichem Leben. Ein herausfordernder aber auch spannender Prozess.

 

Die Kirche in Leuggern, erbaut durch den Architekten Caspar Joseph Jeuch im Jahre 1853, ist das Wahrzeichen des Kirchspiels. Sie ist nach Ansicht kantonaler und eidgenössischer Fachleute «ein bedeutendes Baudenkmal» aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, «ein sakrales Meisterwerk» und ein «historisches Monument ersten Ranges» mit neugotischem Antlitz. Die Kirche steht unter Denkmalschutz. Für ihren Erhalt setzt sich die "Stifung Kirche Leuggern" ein.

Von Ordensrittern und Spitalbrüdern - Geschichtliches aus der Pfarrei Leuggern

Die Wurzeln der Pfarrei St. Peter und Paul, Leuggern reichen weit zurück. 1231 wurde die Kirche erstmals erwähnt, als die Freien von Bernau ihren Grundbesitz dem Johanniterorden vermachten. 1250 folgte dann die Gründung der selbstständigen Kommende (Niederlassung des Johanniterordens) Leuggern, die sich zum religiösen und politischen Zentrum des Kirchspiels entwickelte.
Der Johanniterorden blieb in der Folge noch 556 Jahre in Leuggern ansässig. Bis heute sind Pfarrhaus, Kirche und Spital ein besonderes Ensemble mit optischer und spiritueller Ausstrahlung.

Am Rand der weiten Aareebene thront die Kirche von Leuggern auf einer steil abfallenden Terrasse. Auch dank ihren enormen Ausmassen sticht sie von allen Seiten her und aus grosser Entfernung ins Auge. 1231 erstmals erwähnt, ist sie sehr geschichtsträchtig geworden. Ihre Vergangenheit steht in engster Verbindung mit den Ordensrittern der Johanniter von Jerusalem. Im Dorf Liutegern, hatten die Freien von Bernau (Leibstadt) schon früher einen kirchlichen Verwaltungsbezirk. Doch im Jahre 1236 errichteten die Johanniter von Bubikon (bei Ortsnamens Leuggern geklärt, der eben auf den damals beliebten Heiligen Leodegar zurückgeht.

Wer heute «Ordensritter» hört, denkt wohl an die teils derben Kreuzzüge des Mittelalters. Diese wiederum gehören eher zur trüben Seite der kirchlichen Vergangenheit. Doch in unserem Fall stehen die Dinge anders. Die Ursprünge des Ordens liegen im Heiligen Land. Um 1099 wurde in Jerusalem, mitten in islamischem Gebiet, ein christliches Königreich gegründet. Hier entstanden im 12. Jahrhundert drei geistliche Ritterorden: der Orden der Tempelherren, Orden der Johanniter und der Deutschritterorden.
Die Johanniter-Bruderschaft, dessen Orden von Rom schon 1113 bestätigt wurde, wuchs aus dem Jerusalemer Spital des Johannes des Täufers hervor. Ihr ursprüngliches und bleibendes Augenmerk liegt also in der Sorge für die Armen und Kranken. Später kamen zwei andere Aufgaben dazu, so dass wir schliesslich im Orden drei Stände unterschieden: dienende Brüder, Geistliche und Ritter. Diese wiederum hatten die folgenden drei Aufträge zu erfüllen: 1. Krankenpflege, 2. Beherbergung der Pilger, 3. Verteidigung des Heiligen Landes.

Wer im Haus tätig war, trug einen schwarzen Mantel, die Ritter im Krieg dagegen einen roten Waffenrock, beide mit dem bekannten achtspitzigen weissen Kreuz auf der Brust (vgl. Dorfwappen). Bald verbreitete sich der Orden nicht nur im Morgenland, sondern auch im Abendland. Denn: Um die (Jerusalem-) Pilger schon auf ihrer Reise betreuen zu können, errichtete der Orden in Europa zahlreiche Spitäler. So wurden auch in Leuggern seit der Ankunft der Johanniter stets Kranke gepflegt, Arme und Reisende beherbergt. Das gutgeführte heutige Asana-Spital ist der exzellente Zeuge der sozialen Ausrichtung der Johanniter. Wir sehen also, dass sich mit diesem Ritterorden die Kirchengeschichte durchaus segensreich ausgewirkt hat und dass in Leuggern sonst bestimmt kein Spital angesiedelt wäre. Nicht zu vergessen, dass bald nach der Aufhebung des Ordens (1806) die Ingenbohler Schwestern in die Lücke der Krankenpfleger gesprungen waren.

Einstige Johanniter-Niederlassungen in der Schweiz (zur deutschen Provinz gehörend) waren: Bubikon, Klingnau, Fribourg (Unterstadt, Place pt St. Jean), Reiden (LU), Basel, Rheinfelden, Hohenrain, Münchenbuchsee, Thunstetten, Tobel.
Wegen des späteren Ordenssitzes in Malta werden die Johanniter bis heute auch Malteser gennnt. Der Orden nimmt inzwischen auch Frauen auf und verfügt heute noch (allein auf katholischer Seite) über weltweit 13'000 Mitglieder. Der souveräne Orden ist auch Subjekt des Völkerrechts und unterhält mit 108 Staaten diplomatische Beziehungen. Eine Tatsache, die kaum bekannt ist: Gemäss Tradition war er an der Gründung des Internationalen Roten Kreuzes massgeblich beteiligt: Der Johanniter Prinz Heinrich XIII. Reuss stand Henri Dunant als Vizepräsident zur Seite. Wer heute in Deutschland unterwegs ist, begegnet dem Orden am augenfälligsten auf der Strasse, beim Anblick der Krankenwagen der Johanniter oder Malteser Unfallhilfe.

In Leuggern lebten unter der Obhut des Ritterhauses Bubikon seit 1236 ein halbes Dutzend Brüder mit ihrem Meister, dem Pfarrer Konrad. Die Johanniter betreuten etwa 250 Jahre lang auch die Pfarrei.

Wie sah hier die erste Komturei aus?
Entsprechend den Ordensregeln hatte das Haus für die Brüder einen Speiseraum, einen gemeinsamen Schlafsaal, eine Meister-Kammer, schliesslich nebst der Hauskapelle mindestens einen Saal zur Beherbergung der Pilger und zur Pflege der Kranken. Es war in dieser Anfangszeit, als ennet der Aare der Freiherr von Klingen wohlbehalten von einem Kreuzzug zurückkehrte. Aus Dankbarkeit für die Hilfe und Pflege der Kreuzritter schenkte er 1251 den Spitalbrüdern St. Johannes von Leuggern eine Hofstatt «bei unserer Stadt Klingnau», wie es heisst, «im oberen Stadtteil mit allen nötigen Bauteilen, wie es der Geistlichkeit geziemt». Leuggern wurde also eine Doppelkommende und der Meister selbst zog schliesslich sogar nach Klingnau. Die damalige Brücke erleichterte die gemeinsame Verwaltung. Doch im kirchlichen Klingnau hatten viele Herren das Sagen: Da waren neben den Johannitern die Abtei St. Blasien, und schliesslich der Bischof von Konstanz. Das führe zu heftigen Kompetenzstreitigkeiten, wobei die Johanniter den Kürzeren zogen und sich wieder auf Leuggern zurückbesannen. Schliesslich wurde um 1408 durch einen Eisgang auch noch die Aarebrücke weggerissen. Doch die Doppelkommende war mittlerweile so gross und gut ausgestattet, dass sie meistens vom Grossmeister der deutschen Provinz persönlich verwaltet wurde. Im Lauf der Jahre stetig angewachsen, verfügte die Komturei zu Leuggern nun über eine stattliche Zahl von Bauten und Betrieben: Neben Komturhaus, Amtshaus, Galeriebau, Hospital, von Rollischem Haus, Torhaus, Wehrtürmlein, Hauskapelle und Pfarrkirche gab es eine ganze Anzahl von Ökonomiebetrieben: Pferdestallungen, Kleintierställe, Scheunentrakt, Pfisterei (Bäckerei), Kornschütten, Metzgerei, Küche, Kräuterkammer, Waschhaus und selbstverständlich eine Trotte. Um 1742 wurde auch ein Schulhaus neugebaut. Zur Komturei gehörte schliesslich das ganze katholisch gebliebene Land zwischen Leibstadt, Mandach, Böttstein und Leuggern.

Die weitere Entwicklung der Pfarrei
Im 16. Jahrhundert gab es ein Problem mit den pfarramtlichen Verpflichtungen der Grosspfarrei. Liest man den Bericht des Historikers Herrmann J. Welti, so klingt das fast wie in heutiger Zeit: «In der zeitbedingten Voraussicht, dass der Orden fortan nicht mehr in der Lage sein dürfte, seine inkorporierten Kirchen mit Ordenspriestern versehen zu können, liess der Komtur 1578 südlich der Pfarrkirche Leuggern einen stattlichen Pfarrhof bauen». Das heutige Pfarrhaus war also da geboren, wo es heute noch steht. Es war der Beginn der weltlichen Pfarrei. Was die Pfarrkirche betrifft, so verweist der Visitationsbericht von 1787 lakonisch auf die «ziemlich alte und finstere Kirche, die für das zunehmende Volk eng genug sei...».
Diese alte romanische Kirche wurde dann 1850 abgebrochen. An ihrer Stelle wurde die heutige neugotische Kirche gebaut – die grösste im Kanton, wie wir wissen – sie sollte schliesslich der Grosspfarrei des Kirchspiels Genüge tun! Im 20. Jahrhundert wurden dann Schwaderloch, Leibstadt und schliesslich 1970 Kleindöttingen als eigene Pfarreien von Leuggern losgelöst.

Zum seitlichen Rosettenfenster in der Fassade:
(Wieland Frei, Theologe in Leuggern, Feb. 2000)
Der letzte Ordensmeister zu Leuggern war der Bündner Freiherr Ignaz Rink von Baldenstein. Sein reich verziertes Wappenschild finden wir als Medaillon in der Mitte der südwestlichen Rosette der mächtigen Kirchenfassade. Dieses barocke Kleinod feinster Glasmalerei stammt noch aus der alten Kirche. Der Verdienst des letzten Komturs ist es, die ganze Anlage der Kommende gründlich ausgebaut und restauriert zu haben. Von ihm heisst es: «Obgleich er von der Residenzpflicht dispensiert war, weilte er jedes Jahr ein- bis zweimal für einige Zeit in Leuggern und nahm hier im September 1761 endgültig Wohnsitz (...) mit Ausnahme der Zeit, die er in Malte verbringen musste.» (H.J. Welti). Seine Liebe zu diesem Flecken Erde kannte wohl keine Grenzen! So schuf er, wie es heisst, «auf einem öden Grasrain» den neuen grossen Kommendegarten, ausgestattet mit Mauerwerk, Portal und Torgitter, mit Springbrunnen und Orangeriehaus, mit Spalierbäumen und Bogengängen und dem dazugehörigen Gartenhaus. Im Jahr 1796 wurde Rink von Baldenstein zum Grossmeister der deutschen Ordensprovinz und damit zum Reichsfürsten ernannt. Somit wurde sein Sitz Heitersberg im Breisgau. Doch wegen der hereinbrechenden Revolution kam er bald zurück nach Leuggern. Im Jahr 1806 zog der Kanton Aargau auch die Kommendegüter in Leuggern an sich, gestattete aber dem Komtur noch deren Nutzniessung. Der greise Fürst starb ein Jahr später am 8. Juli 1807.

Reisetipp:
Wenn Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, einmal eine genauere Vorstellung davon machen wollen, wie Leuggern über viele Jahrhunderte aussah, dann dürfen Sie es nicht versäumen, das grosse, komplett erhaltene Johanniterhaus Bubikon (mit informativem Museum) zwischen Uster und Zürichsee zu besuchen.

Quellen: Historisch-Biografisches Lexikon der Schweiz, Bd. IV, 665f. Hermann J. Welti, Zur Baugeschichte der Johanniterkommende Leuggern in den ersten drei Jahrhunderten ihres Bestehens, aus: Festgabe O. Mittler (1960), Chlengenowe-Klingnau, Baden 1989, Prof. Paul Kläui, Führer durch das Johanniterhaus Bubikon, Bubikon 1995.

Weitere besondere Orte in der Pfarrei Leuggern finden Sie hier.

 

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